Samstag, 26. Mai 2012

Undifferenziertes Opferdenken schadet!

Chi Mgako, Professorin am Fordham Law Institute, zur Rede von Kthi Win (via Menschenhandel heute und Mädchenmannschaft:

Vor einem gedämpften Publikum von über 2000 Frauenrechtler_innen aus über 140 Ländern stand Kthi Win, eine Sexarbeiterin und Leiterin einer nationalen Organisation von weiblichen, männlichen und transgender Sexarbeiter_innen in Burma. Mit ruhigem Selbstvertrauen sagte sie:

„Die Hauptforderung der Sexarbeiter_innenbewegung in Burma, in Asien und auf der ganzen Welt ist einfach. Wir fordern die Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit. Aber wir haben eine weitere zentrale Forderung, die sich spezifisch an bestimmte Teile der Frauenbewegung richtet. Wir fordern, dass wir nicht als Opfer gesehen werden.“ (Link zur vollständigen Rede)

Die freche Zurückweisung der Opferrolle durch eine Sexarbeiterin, die im Namen der globalen Sexarbeiter_innenbewegung (global sex workers’ rights movement) sprach, geschah anlässlich des kürzlich stattgefundenen Internationalem Forum für Frauenrechte in Entwicklung (AWID International Forum on Women’s Rights in Development), eines der größten Zusammenkünfte von Frauenrechtler_innen auf der Welt. Es war ein außergewöhnlicher Moment, weil es in manchen Teilen der Frauenbewegung eine Tendenz gibt, Sexarbeiter_innen, wie Kthi, auszuschließen, weil sie die monolithische und einfältige Erzählung, dass alle Menschen in der Prostitution auf Rettung warten, bestreitet.


Die Charakterisierung von Sexarbeiter_innen, die für ihre Menschenrechte kämpfen, als „prostituierte Frauen“ (“prostituted women”), die an nutzlosen Versuchen beteiligt seien, die „Versklavten zu organisieren“, ist verblüffend. Fünf Jahre lang haben ich und Studierende mit Sexarbeiter_innen gearbeitet und wir haben uns durch ihre erfolgreiche Organisation vom Rand der Gesellschaft aus inspirieren lassen. Sexarbeiter_innen in Indien, die gegen Missbrauch durch die Polizei kämpfen, arbeiten als Safe-Sex Erzieher_innen und leiten außerschulische Aktivitäten für ihre Kinder. Sexarbeiter_innen in Südafrika leiten eine nationale Kampagne für die Entkriminalisierung von Sexarbeit. Sexarbeiter_innen in Malawi hatten den Mut gegen die Regierung zu klagen und die Verfassungskonformität von erzwungenen HIV-Tests von Sexarbeiter_innen ohne ihre Einwilligung prüfen zu lassen. Und es gibt unzählige weitere Beispiele von sich organisierenden Sexarbeiter_innen in Afrika, Asien, Europa, Lateinamerika und der Karibik, und Nordamerika. Diese Aktivist_innen als „Opfer“ zu etikettieren, die ihre wahre „Versklavung“ nicht verstehen, ist herablassend, entmachtend, und unwahr.

Sie kämpfen mit Kreativität und Handlungsmacht (agency) für ihre Menschenrechte und, der tiefen gesellschaftlichen und rechtlichen Marginalisierung zum Trotz, bilden sie einen Chor der Agitation für das Recht zu arbeiten, das Recht frei von Gewalt zu leben und das Recht auf Zugang zu einer Gesundheitsversorgung.

Frauenrechtler_innen, die alle Menschen in der Prostitution als „Sklaven“ sehen und die keinen Unterschied machen, zwischen jenen, die in die Prostitution gezwungen wurden und jenen erwachsenen Sexarbeiter_innen, die diese Tätigkeit freiwillig und aufgrund eigener Entscheidung oder von Umständen ausüben, fordern meistens Anti-Menschenhandelspolitiken, die erwachsenen Sexarbeiter_innen schaden. Kthi hat persönlich die Folgen von Strategien, wie Bordell-Razzien, erlebt. Diese führen meistens zu wahllosen und willkürlichen Massenverhaftungen von Sexarbeiter_innen führen, in der Hoffnung darunter auch Opfer von Menschenhandel zu finden. Kthi lieferte uns eine viszerale Kritik dieser Politiken:

„Wir leben in der täglichen Angst „gerettet“ zu werden. Die Gewalt, die geschieht, wenn feministische Rettungsorganisationen mit der Polizei zusammenarbeiten, die an unseren Arbeitsorten einbrechen und uns schlagen, uns vergewaltigen und unsere Kinder verschleppen, um uns „zu retten“… Was wir brauchen ist, dass der Mainstream der Frauenbewegung nicht nur still unseren Kampf unterstützt, sondern, dass er für uns eintritt und sich gegen die Extremist_innen äußert, die eine wichtige Bewegung gegen echten Menschenhandel zu einem gewaltreichen Krieg gegen Sexarbeiter_innen gemacht haben.“

Kthis aufschlussreiche Kritik wurde an anderer Stelle wiedergegeben. In Kambodscha wurde ein Gesetz gegen Menschenhandel, das zur Prostitution gezwungene Menschen unterstützen sollte, durch die Polizei manipuliert. Das Gesetz wird als Vorwand genutzt, um Sexarbeiter_innen in Resozialisierung- und Rehabilitierungszentren zu senden, wo sie physischen und sexuellen Missbrauch, sowie fehlende angemessene Verpflegung und Gesundheitsversorgung erfahren. Diese schwerwiegende Situation wurde durch Organisationen, wie Human Rights Watch und Preisträger Asian Pacific Network of Sex Work Projects dokumentiert. Die brutalen Folgen von Bordell-Razzien für Sexarbeiter_innen wurden auch in Thailand, Malaysia, Indien und anderen Orten ausführlich beschrieben.

Wir müssen Sexarbeiter_innen zuhören. Wenn die Frauenbewegung insistiert, weiterhin Menschenhandel mit Prostitution zu vermischen und zu verwechseln und alle Menschen in der Prostitution als Sklaven zu beschreiben, die nicht in der Lage sind in ihrem Namen zu sprechen, werden wir uns vor wichtigen Kritiken abschotten. Diese Kritiken stellen die Methoden in Frage, die angeblich Sexarbeiter_innen helfen, aber unmittelbar zu weiteren Rechtsverletzungen führen. Die Frauenbewegung sollte keine Politiken unterstützen, die weibliche, männliche und transgender Sexarbeiter_innen schaden. Am Ende ihrer Rede, drückte Kthi diese Einschätzung aus, indem sie den cri de coeur der globalen Sexarbeiter_innenbewegung wiederholte: „Nichts über uns, ohne uns“

“Nothing about us, without us.”

Chi Mgako konzentriert ihre Forschung auf Menschenrechte in Afrika. Traurigerweise ist die oben genannte Situation- Polizeigewalt gegen Sexworker- aber nicht nur in Entwicklungsländern anzutreffen, sondern durch die Kriminalisierung gerade in den USA alltäglich. Polizisten nutzen ihre Machtposition um Prostituierte zu vergewaltigen, oder gebrauchen bei Verhaftungen übermässige physische und psychiche Gewalt. Darauf machen Menschenrechtsorganisationen meines Wissens nur selten Aufmerksam.

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